Leistungsfach Deutsch bei „Prima facie“ im Landgericht Ulm

Veröffentlicht am Freitag, den 01.08.2025

Leistungsfach Deutsch bei „Prima facie“ im Landgericht Ulm

Zu Beginn der Theater-Exkursion ist die Stimmung des Deutschkurses recht locker. Nach dem gemeinsamen Abendessen beim Italiener geht es durch die belebte Innenstadt zum Landgericht Ulm. Eine ungewöhnliche Kulisse für eine Aufführung - vielleicht ist es aber genau das, was die Inszenierung „Prima facie“ so interessant und letztendlich auch authentisch wirken lässt. 

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Das Justizsystem bildet die Grundlage einer funktionierenden Gesellschaft. Es soll für Recht und Ordnung sorgen, Opfer schützen und Täter verurteilen. Dieses System stößt in dem Stück „Prima facie“ von Suzie Miller an seine Grenzen und eröffnet die Debatte, ob wir vielleicht etwas daran ändern müssen. 

Tessa Ensler, die Hauptfigur des monologischen Stücks, tritt zu Beginn sehr selbstbewusst auf. Entgegen allen Erwartungen hat sie an einer der renommiertesten Universitäten Jura studiert und wird Strafverteidigerin. Sie macht einen guten Job, ist stets ehrgeizig, versteht es, ihre Rolle zu spielen und ihre Reize einzusetzen, um an ihr Ziel zu gelangen. Das Spiel der Gesetze zu gewinnen, wie sie selbst sagt, das ist, was zählt. Ihr Leben außerhalb der Arbeit ist wild, sie ist unabhängig und geht oft dem nach, was sie will. Als sie Julian, einem Kollegen, näherkommt, fühlt sich mit ihm alles anders an. Er ist fürsorglich, aufmerksam - und sie verliebt sich. Doch es geht nicht lange gut. Eines Abends wird Julian übergriffig und aus Spaß wird schnell böser Ernst. Tessa erinnert sich vor dem Publikum an ihre Vergewaltigung. 

Zurück bleibt eine Frau, die durch die Hölle gehen wird. Sie kennt sich mit Vergewaltigungsprozessen aus und weiß, nachdem sie schon zahlreichen Angeklagten zu Straffreiheit verholfen hat, dass die Chancen vor Gericht für sie schlecht stehen. Die häufigen Lücken in den Erzählungen der Opfer, die sie als Strafverteidigerin immer gegen sie verwendet hat, versucht sie nun in ihrer eigenen Geschichte zu erkennen und zu füllen. 782 Tage später muss sie aussagen. Nun steht sie auf der anderen Seite des Systems, nicht mehr als Verteidigerin, sondern in der Rolle des Opfers, das in die Ecke gedrängt wird und die gleichen Fehler macht, die sie zuvor immer zum Vorteil der von ihr vertretenen Angeklagten ausgenutzt hat.

Tessa verliert das Spiel der Gesetze, Julian ist frei, sie wird es wahrscheinlich nie mehr sein. Im Zweifel ist ein Angeklagter freizusprechen. Mit der Verkündung des Urteils verliert die junge Frau ihren Glauben an ein System, welchem sie ihr Leben verschrieben hat und das sie am Ende im Stich lässt. Sie ist nicht in der Lage gewesen, ihre Geschichte plausibel und fehlerfrei vorzutragen: Hat Tessa beim Vorfall vielleicht nicht laut genug Nein geschrien? Konnte Julian somit gar nicht wissen, dass sie nicht gewollt hat? Ist er am Ende vielleicht tatsächlich unschuldig? Am Ende des Prozesses wird Tessa Ensler nicht zweifelsfrei geglaubt. 

Die Zuschauer bleiben mit der Frage zurück, ob von den Opfern eines sexuellen Übergriffes erwartet werden kann, dass sie das Verbrechen, welches ihnen am eigenen Leib, an der eigenen Seele widerfahren ist, souverän vortragen können. Die chronologische Reihenfolge der Handlung, jedes noch so kleine Detail, wiederzugeben, wenn man jedes Mal die gleiche Panik und die gleiche Starre erneut ertragen muss? Ist es das, was erwartet wird? „Jede dritte Frau wird Opfer eines solchen Übergriffes“, sagt die Hauptdarstellerin und wendet sich den rund 40 Frauen im Publikum zu. Sie scheint in diesem Moment nicht als ihre Rolle Tessa Ensler zu sprechen, sondern ganz persönlich. 

Was das Stück hinterlässt, sind Zweifel daran, wie sehr wir uns auf ein System verlassen können, das manchmal keine Menschen, sondern nur Gesetze sieht. Es wirft aber auch die Frage auf, was wir überhaupt von einem solchen System erwarten können. Ein System, das eigentlich dazu da sein soll, um jede(n) von uns zu schützen. Diese Gedanken werden nach der beeindruckenden Performance auch in der nachdenklichen, eher bedrückenden Stille laut. Was für eine Antwort es auf diese Frage gibt, muss jeder selbst für sich entscheiden. Klar ist jedoch, dass ,,Prima facie“ eine Lücke im System aufzeigt, welche man vielleicht auf den ersten Blick gar nicht bemerkt, die sich aber wohl auch nicht so einfach schließen lässt.

Finja Blumer

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