
Architektur entspringt dem Grundbedürfnis des Menschen nach Schutz und Geborgenheit, doch sie kann mehr. Dies erfahren wir ganz besonders dann, wenn wir Räume betreten, die jenseits ihrer Funktionalität genau dieses „Mehr“ vermitteln: Der einschüchternde Prunk eines Palastes, die Erhabenheit eines Kirchenbaus oder einfach nur die wohltuende Atmosphäre eines alten Bauernhauses - wir Menschen kommen nicht umhin, auf unsere gebaute Umwelt zu reagieren und gleichzeitig von ihr beeinflusst zu werden.
Die Fragestellung, mit der wir die architektonisch außergewöhnliche Sankt Vinzenz Kirche in Untermarchtal besuchen, zielt genau in diese Richtung: „Kann Architektur Spiritualität ausdrücken?“ Mehr noch: „Kann sie für den Menschen zu einem spirituellen Erlebnis werden?“
Die wenigsten kennen dieses Kleinod moderner Architektur des schweizer Architekten und Le Corbusier Zeitgenossen Hermann Bauer, für das 1970 im Kloster Untermarchtal der Grundstein gelegt wurde. Ein mutiger Kirchenbau, der mit seinen mächtig aufragenden Rundtürmen nach außen wie eine Festung wirkt, beim Betreten jedoch erst nach und nach sein von Leichtigkeit geprägtes Inneres preisgibt: Eine halbkreisförmig ansteigende Rampe führt die Besucherin und den Besucher in einen lichtdurchfluteten, offenen Raum. Man fühlt sich in eine völlig andere Welt versetzt und staunt über die mühelose Einfachheit, die das Gebäude im Inneren ausstrahlt.

Unsere Frage vom Anfang beantwortet sich nun ganz von selbst: Ja, Architektur kann mehr bieten als reine Funktionalität - sie ist eine Kunstform, die den Menschen im tiefsten Wesenskern anspricht und vielleicht sogar verändert!
Schön und lohnenswert, so eine Erfahrung quasi vor der eigenen Haustür machen zu dürfen! Jetzt wird den Schülerinnen und Schülern auch klar, warum die Architektur im Fach Kunst einen wichtigen Platz einnimmt.
Elisabeth Le Monnier